Literatur über Südtirol (Auswahl)

Gottfried Solderer (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol. 5 Bände. Gesamtredaktion: Siglinde Clementi und Barbara Rottensteiner; Grundkonzept und Beratung: Hans Heiss. Bozen Ed. Rætia, 1999-

Luisa Righi/Stefan Wallisch: Südtirol verstehen. 43 Antworten zu einem besonderen Land. (Reihe „Folio – Südtirol erleben“). Bozen Folio Verlag 2017

Rolf Steininger: Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Innsbruck-Wien, Haymon Taschenbuch 2014

Christoph Gufler: Kunst – Kultur – Geschichte. Lana und Umgebung. Bozen Athesia 2016

Wächter des Waldes. Südtirols Bäume erzählen. Naturmuseum Südtirol Bozen 2013

 

Reiseskizzen aus Südtirol

Prentnerviertel/Deutschnofen (Südtirol)

 

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Sonnenaufgang im Prentnerviertel                                                         Foto Hilmar Preuß

 

Auszeit von der Großstadt

Während die meisten Menschen heute Morgen wieder in ihr Großraumbüro oder in die Werkhalle eilen, habe ich als Wissenschaftler und Autor das Privileg, an besonderen Orten arbeiten zu können. So erlebe ich gerade einen spektakulären Sonnenaufgang über dem Bergpanorama Südtirols. In einem uralten Bauernhof am Rande des Dorfes Deutschnofen habe ich ein einfaches Quartier abseits von städtischem Trubel und in wunderbarer Natur erhalten. Jeden Morgen trotten die Kühe gemächlich auf die weitläufigen Weiden, wenn die Sonne die Wiesen des Hochplateaus erreicht. Kälbchen springen hinter oder vor ihren Müttern übermütig auf die Weide. Der weit über 70-jährige Bauer vom Höggerhof melkt allmorgendlich seine Kühe und so kann zum Frühstück schon die aromatische Milch der Alpenkühe genossen werden. Rahmiger südtiroler Joghurt ist natürlich inbegriffen. Es ist schon ein starker Kontrast zum Alltagsstress in den Großstädten. 

Dabei darf keine falsche Idylle angenommen werden, denn das Leben der Bergbäuerinnen und Bergbauern in den Alpen bedeutet tagein tagaus, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang die Bewirtschaftung des Hofes zu stemmen. Und am Abend wollen dann oft noch die Gäste bewirtet und unterhalten werden.

Wenn es jedoch noch eine Form der weniger entfremdeten Arbeit in Europa gibt, dann dürfe dies auf den Bergbauern zutreffen. Jahrhunderte alte Arbeitsweisen werden in sanft modernisierter Form fortgesetzt. Die Früchte seiner Arbeit sieht der Mensch an jedem Tage vor sich. Und in den vorbildlichen regionalen Wirtschaftskreisläufen sind Bauern und Handwerker sowie kleine Handel- und Gewerbetreibende in vielen Gegenden Südtirols nicht von Gebaren nationaler und transnationaler Konzerne abhängig. Über Preisdiktate für Milch unterhalb de Produktionskosten können die Milchviehhalter in Südtirol nur den Kopf schütteln. Direktvermarktung und faire Handelsbeziehungen sichern noch viele Existenzen. Und auch der Bozener Platzhirsch, die größte südtiroler Molkereigenossenschaft Mila, zahlt den Milchlieferanten für die hochwertige Alpenmilch einen Preis, der die skandalösen deutschen Dumpingpreise ums doppelte oder dreifache übersteigt. Auf diese Weise werden gesunde und nachhaltige regionale Wirtschaftsstrukturen gefördert.

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Die Gastbetriebe in den Dolomiten setzen auch oft regional erzeugte Lebensmittel von hoher Qualität ein. Die Tourismusbranche boomt – vom Urlaub auf dem Bauernhof über kleine Hotels und Vier- oder Fünf-Sterne Häuser – Sommer wir winters. Insbesondere für Urlauber aus Deutschland bietet Südtirol eine besondere Anziehung. Auf engstem Raum können die Reisenden hier die Welt der Gletscher und die südländische anmutenden Täler und Weinberge erleben. Menschen von nördlich der Alpen können hier sowohl als Bergwanderer und Naturliebhaber das Dolomitenpanorama genießen oder sich dem erträumten und viel gerühmten italienischen dolce vita hingeben. Als besonderes „Schmankerl“ wird dies allen, die keine Fremdsprache beherrschen noch weiter dadurch versüßt, dass in der nördlichen Provinz Italiens eine überwiegende deutschsprachige Bevölkerung lebt. Und im Café oder Geschäft wechseln die Kellnerin bzw. der Verkäufer spielend vom Deutschen ins Italienische, wenn ein Gast aus den südlichen Landesteilen den Raum betritt. Glücklicherweise spüren die heutigen Gäste kaum, welche politischen Spannungen bis hin zu Bombenanschlägen das Leben zwischen deutschsprachigen Südtirolern und italienisch sprechenden Einwohnern in der heutigen Autonomen Provinz Bozen früher das Leben bestimmten.

Die touristisch reizvollen Bergdörfer sind ohnehin in Nachfolge der Rätoromanen fast ausschließlich von der deutschsprachigen Bevölkerungsgruppe oder der alteingesessenen ladinischen Minderheit bewohnt. Sie haben den jahrtausende langen Assimilationsdruck von Römern, Langobarden, Bajuwaren und Faschisten überstanden. Auch diese große kulturelle Vielfalt im Kleinen macht sicher einen Teil der Faszination Südtirols aus. Und wenn im Herbst beim traditionellen „Törggelen“ Menschen unterschiedlichster Herkunft friedlich zusammen sitzen, geröstete Keschtn (regional typische Esskastanien) verspeisen und südtiroler Weine genießen, treten die oft überbetonten Unterschiede zwischen den Kulturen und Milieus wie von selbst in den Hintergrund. Und im Gewölbekeller des Höggerhofes im Prentnerviertel gibt es keine Hürden oder Fremdheitsgefühle, wenn der Bergbauer neben dem deutschen Arzt oder der ungarischen Köchin sitzt und alle gemeinsam ihre vielfältigen Lebenserfahrungen austauschen.